Courage!

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1. Klägliche und verächtliche Angriffe gegen Charles Darwin

Der Jeaner Zoologe Ernst Haeckel (1834-1919), der Darwin noch persönlich gekannt hat, berichtete über die Machenschaften, denen sich Charles Darwin ausgesetzt sah (1882 S. 7f):
"Als ich 1863, vier Jahre nach der Veröffentlichung von Darwin's bahnbrechendem Hauptwerke, dasselbe zum ersten Male auf der Naturforscherversammlung zu Stettin öffentlich zur Sprache brachte, war die grosse Mehrzahl der Ansicht, man dürfe solche 'naturphilosophische Phantasien' eigentlich nicht ernsthaft discutiren. Ein angesehener Zoologe erklärte die ganze Theorie für den 'harmlosen Traum eines Nachmittagsschläfchens', während ein Anderer sie mit dem Tischrücken und dem Od verglich. Ein berühmter Botaniker versicherte, dass keine einzige Thatsache zu Gunsten dieser 'haltlosen Hypothese' spreche; dass sie vielmehr mit allen Erfahrungen in Widerspruch stehe; und ein namhafter Geologe meinte, dass auf diesen vorübergehenden Schwindel bald die unausbleibliche Ernüchterung folgen werde. Ein bekannter Physiologe nannte später die ganze Stammesgeschichte einen Roman, und ein Anatom prophezeite, dass nach wenigen Jahren kein Mensch mehr davon sprechen werde."

Das Beispiel ist ausgesprochen typisch für solche Attacken. Die Kritiker gingen nämlich auf die Details von Darwins Theorie gar nicht ein. Wer Darwin nicht selber gelesen hatte, konnte nicht merken, dass die Mobber eine sachlich begründete Auseinandersetzung scheuten. Dafür äusserten sie plumpe Pauschalurteile oder diffamierten Darwin als Spinner oder Schwindler.

Erschreckend (aber nicht erstaunlich) ist das Ausmass des Mobbings innerhalb des Berufsstandes. Die Gründe sind nicht bloss neidische Gefühle, sondern es entsteht ein richtiger Vernichtungswille, weil für einige Kollegen bei einem sog. Paradigmenwechsel sehr viel auf dem Spiel steht. Wenn die Theorien veralten, auf die sie ihre Existenz gebaut hatten, verlieren sie ihre Reputation, Anhänger, ihre Zeitschriften, Gelder, ihre Mandate und schliesslich ihre Position. Eine echte Innovation sägt am Ast vieler Profiteure und mediokrer Mitläufer.

Haeckel, E. (1882). Die Naturanschauung von Darwin, Goethe und Lamarck. Vortrag in der ersten öffentlichen Sitzung der 55. Versammlung Deutscher Naturforscher und Aerzte zu Eisenach am 18. September 1882

Fazit: Was kann man daraus lernen?

Darwin hatte Glück im Unglück, denn er hatte auch eine starke Gefolgschaft von Unterstützer:innen. Die Zeit war damals reif für Darwins und Alfred Russel Wallaces Theorie der Evolution als blinde Variation mit selektiver Retention. Survival of the fittest heisst übrigens nicht das 'Überleben des Stärkeren'. Das wurde schon damals missverstanden (auch von Haeckel). Es Selektionprinzip bedeutet das Überleben desjenigen Organismus, der in der jeweiligen Nische am besten zu den dort herrschenden natürlichen Umweltbedingungen passt ("to fit" heisst "passen"). Was man daraus lernen kann: Erstens das Timing einer Aktion ist wichtig. Es gibt gute Momente und schlechte. Allerdings lässt sich dieser Faktor nicht immer vorhersehen. Zweitens, man braucht eine Heimbasis, man muss irgendwo eine andere soziale Gruppe haben, die einen zumindest teilweise auffangen kann, wenn man angeschossen würde. "Survival of the fittest" - richtig verstanden - heisst: Wer intelligent ist, sucht sich aktiv eine Nische, einen Ort, wo genau seine Qualitäten sehr gefragt sind und kann damit auf soziale Unterstützung hoffen.

2. Otto Schlaginhaufens Befund zur Migration in der Steinzeit wurde totgeschwiegen

Ein ganz anderes Beispiel, weil vollkommen unbekannt, ist der Vortrag des Schweizer Anthropologen Otto Schlaginhaufen am Kongress von 1934 in London. Er vertrat eine damals ausserordentlich unpopuläre These, die allen eingefleischten Rassisten sauer aufstossen musste.

Schlaginhaufen wies nämlich nach, dass ein Skelett aus der Steinzeit von Egolzwil bei Luzern nicht etwa einen "nordischen" oder sonst typisch europäischen Schädel aufwies, sondern dass die Frau "negroide" Schädelmasse hatte. Auf Deutsch gesagt: Die sog. weisse "Rasse" gibt es nicht, sondern es gab eine Migration. Europäer:innen stammen entweder vom der gleichen Bevölkerungspool ab wie Afrikaner:innen oder sie haben sich zumindest mit ihnen vermischt. Dies entspricht übrigens den genetischen Befunden der modernen Anthropologie.

Die Frau von Egolzwil aus dem Mesolithikum der Schweiz (Modell von Koller 1935)

Die NZZ berichtete am 14. Aug. 1934 über den Internationalen Kongress für Anthropologie und Ethnologie in London:
"Von den etwa 70 anthropologischen Vorträgen erwähnen wir insbesondere das Referat von Otto Schlaginhaufen (Zürich) über die Stellung des kleinwüchsigen Skeletts von Egolzwil zu europäischen Menschenrassen. Schlaginhaufen hat das Skelett, das im Gebiet des ehemaligen Wauwilersees im Kanton Luzern gefunden wurde, bereits früher in einer ausführlichen Arbeit beschrieben. (Schlaginhaufen, 'Die menschlichen Skelettreste aus der Steinzeit des Wauwilersees'. Verlag Gustav Fischer, Jena 1925). Die vergleichenden Untersuchungen ergaben, dass das Skelett der etwa 30jährigen Frau von Egolzwil in einzelnen Merkmalen ans die prähistorischen Formen von Mauer, Ehringsdorf, Grimaldi und Le Placard hinweist. Im Neolithicum der Schweiz ist es isoliert und auch in der rezenten Bevölkerung Europas findet sich dieser Typ nicht. Dagegen sind Beziehungen zu Afrika, Südasien und Melanesien vorhanden. Die Beziehungen zu Afrika ergeben sich an der Ähnlichkeit ... mit einem Buschmannschädel der Sammlung vou Drennan in Kapstadt. Es muss daher, da auch die Masszahlen zum Teil ähnlich sind, mit negroiden Beziehungen der Frau von Egolzwil gerechnet werden. Wie weitere Forschungen gezeigt haben, ist auch eine gewisse Ähnlichkeit mit kleinwüchsigen Melanesierinnen vorhanden."

Was geschah nun mit diesem eigentlich sensationellen Ergebnis? Nichts geschah. Der Herausgeber "entschuldigte" sich in der Oktober-Ausgabe des Journals "Man" von 1934 lapidar:
"The Editor regrets that by inadvertence the communication of Prof. Schlaginhaufen of Zurich 'Die Stellung der Kleinwüchsegen Frau von Egolzwil zur aussereuropäischen menschenrassen', was ommitted from the report of Section Aa."

Die NZZ musste am 14. Aug. 1934 leider auch anmerken:
"Es lässt sich nicht sagen, dass der Kongress vorzüglich organisiert war: offenbar ist der Kongressleitung die Arbeit über den Kopf gewachsen. Gegenüber den Referenten wurde leider nicht immer mit dem gleichen Mass gemessen und auch den Berichterstattern wurde die Arbeit nicht im geringsten erleichtert. Obschon vorgesehen war, gewisse Probleme in den Vordergrund zu stellen, liess sich dieses Programm nur in einigen Fällen durchführen, da sich die meisten Referenten an die Wiedergabe der Resultate ihrer eigenen Forschungen beschränkten. Der erste Kongress war daher ein Versuch, der viele unbefriedigt gelassen hat."

Editor (Oct. 1934) Man. Journal of the Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland.

Haas, H. (2020). Is there a skeleton in the closet of the Julius Klaus Foundation?, Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Familienforschung, 47: 221-264.
- Deutsche Übersetzung: Hat die Julius Klaus Stiftung ein Skelett im Schrank?

Koller, R. (1935). Plastische Rekonstruktion der Physiognomie vorzeitlicher Menschen. Anthropos 30(5/6): 857-858.

Schlaginhaufen, O. (1924). "Die Ergebnisse der Untersuchungen am anthropologischen Material aus dem Wauwilersee". Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft Luzern, Band 9.

Fazit: Was kann man daraus lernen?

Dieses Beispiel illustriert, dass man gut daran tut, einfach bei den Tatsachen zu bleiben und sich nicht vor dem Zeitgeist zu verbeugen. Auch wenn Schlaginhaufen damit kein Erfolg hatte und sein Werk totgeschwiegen wurde (übrigens bis heute), so hat er doch das Richtige getan. Schlaginhaufen war kein Held, sondern ein Mensch mit Stärken und Schwächen. Er hat sich selber nämlich 1916 auch einmal in den Ungeist des Rassismus verirrt, als dieser populär war und Kritik daran noch kaum vorhanden war. Aber er hat die Flexiblität und den Anstand gezeigt, sich davon abzuwenden. 1933 hat er sich auch gegen den Arierwahn ausgesprochen. Schlaginhaufens Kritik am Rassismus war sehr sachlich, gut belegt und sehr subtil. Er prangerte niemanden an - allerdings hat er auch seinen Irrtum von 1916 nie explizit als solchen deklariert. Eine leise Kritik wie diese, die v.a. von Insidern verstanden wird, hat den Vorteil, dass sie face-saving ist. D.h. die Adressat:innen können ohne grosses Aufhebens von sich aus eine Kehrtwende einleiten. Einige sind klug und dazu bereit, anderen fehlt die nötige Einsicht oder sie haben selber bereits selber in etwas Ungutes verstrickt. Dann passiert ein solches "Versehen" wie beim Journal "Man" im Okt. 1934.

3. Ueberwachung der Wissenschaft durch das 3. Reich

Die Geschichte über den Internationalen Kongress für Anthropologie und Ethnologie in London 1934 geht noch weiter. Es gab dort einen weiteren Vorfall. Der britische Anatom, Sir Grafton Elliott Smith, hatte es nämlich gewagt, öffentlich vor 1000 Teilnehmer:innen dem NS-deutschen Arierwahn zu widersprechen.

Im Hitlerreich mussten die deutschen Professoren an den internationalen Kongressen ihre Kolleg:innen auszuspionieren und dem Ministerium jeweils einen Bericht zukommen zu lassen. In seinem Bericht meldete der (regimetreue) Anthropologe Eugen Fischer (am 5.8.1934) nach Berlin, dass jemand in London direkte Kritik an einem der ideologischen Stützpfeiler des Rassenwahns geäussert habe:
"Unter den allgemeinen Ansprachen, sog. Adresse, in den Eröffnungssitzungen der Sektionen war meines Wissens eine einzige, wo der Redner Prof. Sir Grafton Elliott Smith (Anatom in London) einige taktlose Sätze brauchte. Er fügte seiner Rede, die sich auf Entwicklung und Rassenbildung der Menschheit bezog, kurz bei, dass der berühmte Sprachforscher Müller bewiesen habe, dass arisch kein Rassenname, sondern ein Name für eine Sprachgruppe sei und dass im übrigen in die ursprüngliche arische Kultur Elemente aus Vorderasien semitische und andere eingegangen seien. Irgendeine unmittelbar auf unsere Politik bezügliche Bemerkung unterblieb. Debatte oder Aussprache findet nach solchen Adressen niemals statt. Ich selbst machte nach der Sitzung den Generalsekretär Herr Professor Myres auf die Ungehörigkeit aufmerksam, er entschuldigte sich und bezeichnete die Sache als rein persönlich von Professor Elliott Smith, der sehr alt und sehr eigensinnig sei. Er will dafür sorgen, dass im offiziellen Bericht die Ansprache gekürzt werde."

AMPG I. Abt. Rep. 1A, Generalverwaltung der KWG, Nr. 1051, (S. 235-240): Bericht von Eugen Fischer vom 5.8.1934 über den Anthropologenkongress in London.

Fazit: Was kann man daraus lernen?

Wir sehen hier ein anderes typisches Verhalten, das leider gerade in akademischen Kreisen häufig vorkommt: damals wie heute. Die Führungsspitze und viele renommierte Wissenschaftler:innen zeigen keinerlei Rückgrat, sondern sie knicken vor dem Zeitgeist sofort ein (wie der Oxforder Historiker und Archäologe John Myres). Elliott Smith's Ansprache war wesentlich direkter formuliert als es der Befund Schlaginhaufens war. Wenn die Verantwortlichen keinerlei Kritik ertragen, dann nützt weder ein subtiles noch ein direktes Ansprechen des Problems. Das Vorkommnis illustriert jedoch, dass man sich nicht sofort verkriechen muss. Ein offenes Wort kann man ohne weiteres versuchen, selbst wenn es abgetan wird.





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