FORSCHUNG von Henriette Haas

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1. Gesprächsführung in der Vernehmung, in der Begutachtung und in der Anwaltspraxis

Im Lauf der Gründung der Staatsanwaltsakademie (heute an der Universität Luzern), haben Thomas Hansjakob (1956-2018), Christoph ILL (als leitende Staatsanwälte im Kanton St. Gallen und Kursleiter) und ich seit 2002 die Vernehmungstechnik professionalisiert. Sie soll allen rechtsstaatlichen und prozessualen, allen logisch-kriminalistischen und allen kognitionspsychologischen Anforderungen genügen.

Das Recht auf Gehör ist eines der wichtigsten Prinzipien des demokratischen Staates. Es darf auf keinen Fall zu einer bürokratischen "Formalität" degradiert werden. Die innere Haltung der Vernehmenden ist für diese Garantie massgeblich: Authentisches Interesse am anderen Menschen und eine unvoreingenommene Haltung gegenüber allen Prozessbeteiligten, um herauszufinden, was wirklich passiert ist. Das wichtigste Prinzip jeder Einvernahme ist das geduldige Zuhören und das Vermeiden jeglicher Suggestion, um zuerst einen möglichst reichhaltigen und unbeeinflussten freien Bericht über die fraglichen Ereignisse und Zusammenhänge zu erhalten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass eine vollständige Schilderung von Ereignissen eine sehr unübliche Aufgabe ist, welche die befragte Personen in aller Regel zuerst überfordert. Selbst die Aussagewilligen liefern meistens nur Zusammenfassungen ab. Man muss sie dann mehrfach auf die Initialfrage des offenen Erzählens zurückführen. Sie dürfen sich wirklich die Zeit und den Raum einnehmen, um alle Erinnerungen hervorzuholen. Rein technisch gesehen wäre die Aufgabe des Anleitens eigentlich nicht schwierig. Trotzdem fällt es vielen Vernehmenden schwer (besonders unter der Arbeitslast), sich zurückzuhalten und längere Schweigepausen zuzulassen. Wer sofort auf sein vermeintliches Beweisziel zusteuert und einen Fragenkatalog "abklappert", stellt sich selber ein Bein: Er oder sie schmälert damit den Beweiswert und riskiert enorme Komplikationen und unnötige Zusatzarbeit. Erst nachdem ein freier Bericht erhoben wurde (in mehreren Anläufen) verengen sich die Befragungs-Techniken zu den offenen w-Fragen und später zu den Vorhalten mit Ungeklärtem, danach zu (vermeintlich oder tatsächlich) Ungereimtem und noch später zu Vorhalten mit anderen Beweismitteln. Wenn nach anfänglichem Bestreiten ein Zugeständis erfolgt, steht einer weiterer Durchlauf des Trichters an, mit der Erhebung eines neuen, freien Berichts (entsprechend dem hermenutischen Zirkel).



Abb. 1: Das Trichtermodell der Einvernahmeziele und der geeigneten Techniken (Haas & ILL 2023)

2. Die Belastbarkeit von Berichten und Argumenten (Validität)

2.1 Theorie der Validität

Dank der anregenden Diskussionen mit Thomas Hansjakob und Christoph ILL habe ich zur Verbesserung des Erkenntnisgewinns in der Vernehmung auch die Zielvorstellungen präzisieren können: Was zeichnet gerichtlich verwertbare und wissenschaftlich gesehen beweiskräftige Aussagen und Argumente gegenüber wenig brauchbaren Einlassungen aus? Welchen Ansprüchen muss sprachlich transportierte Information genügen, damit sie der Wahrheitsfindung dient?

Da sich die "Wahrheit per se" - unabhängig von menschlichem Wahrnehmen und Denken - nicht eruieren lässt, hat die Wissenschaft bescheidenere Kriterien formuliert, die es zu erfüllen gilt, um die Grenze zur Beliebigkeit abzustecken. Es sind Transparenz, Überprüfbarkeit und Falsifizierung (keine Verstösse gegen das Veto der Quellen). Daraus leitet sich eine Validitäts-Heuristik ab.

Die fünf Dimensionen der Validitäts-Prüfung von Aussagen

I.    Quellenvalidität: Präzise Angaben, woher die Information stammen und wo es noch mehr davon hat;

II.   Formelle Validität: verbindliche Formulierungen als verständliche und (rein theoretisch) auch widerlegbare Thesen;

III.  Interne Konsistenz der Aussagen: sie widersprechen einander nicht gegenseitig, keine Duplizität;

IV.   Faktentreue der Aussagen: Sie entsprechen den zu Grunde liegenden und in Reichweite befindlichen anderen Quellen der Erkenntnis.

V.    Ursachen und Intentionen werden logisch nachvollziehbar eruiert und belegt.

Christoph ILL hat für besonders verlässliche Aussagen den Terminus "Anker" ausgeführt: Anker sind solche Infos, die sich unabhängig verifizieren lassen, ohne dass die befragte Person, das wissen kann. Sie erlauben Rücksschlüsse auf die Glaubhaftigkeit der ganzen Erzählng und auf die Ehrlichkeit der Person. ILL hat zudem die gerichtliche Entscheidungsfindung im Sinn des Aristotelischen Syllogismus aufgearbeitet.

Lügen und Schutzbehauptungen sind übrigens keineswegs immer irrelevant. Sie können unbeabsichtigt Dinge preisgeben, von denen nur die Täterschaft wissen kann. Wie Mark Twain sagte: "Tatsachen muss man kennen, bevor man sie verdrehen kann."

2.2 Abgrenzung von wissenschaftlichen Indizienbeweisen gegen Beweisillusionen und akademische Gespinste

Ein Unterkapitel der Validitätsforschung sind Beispiele nicht tragfähiger Behauptungen, von Beweisillusionen oder von Bullshit im Sinn des Philosophen Harry Frankfurt. Die Forschung und die Jurisprudenz benötigen aufgeklärte Fälle, um Text- und Bildrezeption sowie Interpretationsmethoden überhaupt weiterentwickeln zu können, also ihre Grenzen und Stärken auszuloten und die Phänomene zu benennen. Auch für die Lehre ist das Sammeln solcher "Narrative" unabdingbar, sei es zur Illustration oder als Übungs- und Prüfungsaufgaben.

Akten aus juristischen Verfahren wären zur Illustration und Erforschung von wenig belastbaren Darstellungen zwar ideal, sind aber kaum verfügbar. Richterliche Konklusionen diskutieren fragwürdige Details in den Einlassungen nicht im Einzelnen - resp. wenn sie dann durch Fakten widerlegt sind, werden einzig und alleine die Fakten aufgeführt und die Schutzbehauptungen nicht mehr. Leider fehlt es auch sonst an aufgeklärten Fallbeispielen von Humbug, in denen die zugehörigen objektiven Fakten als Dokumente öffentlich in allen Details einsehbar und also überprüfbar sind.

Weniger gelungene "Narrative" im Dunstkreis von Michel Foucault, Bruno Latour, Paul De Man, Edward Said, Judith Butler, Paul Feyerabend und Konsorten (sog. French School), die Vernunft und Aufklärung ideologisch ablehnen, eignen sich hingegen sehr gut. Sie beziehen sich auf öffentlich zugängliche Archivalien und Literatur, enthalten keine Geschäfts- oder Amtsgeheimnisse. Ferner ist eine fundierte Kritik an beruflichen Fähigkeiten oder an der Leistung von Autor/innen rechtlich unbedenklich (BGE 105 IV 111) - in der Wissenschaft sogar sehr erwünscht.

Eine Wissenschaftstravestie mit einem bemerkenswerten Sammelsurium von Fehlleistungen machte mich 2017 auf die postfaktischen Narrative von Konstruktivisten aufmerksam; eine Zufallsentdeckung (vgl. 2020, Fussnote 90). In den Kulturfächern hat sich unter den Fahnen von "Diskursanalyse", "Akteur-Netzwerk-Theorie" "postcolonial studies", "Wissenschaftsgeschichte", "Dekonstruktion", ... eine Mode von aufbauschender Sensationsberichterstattung in akademischem Gewand breit gemacht. Es handelt sich dabei um eine besonders extreme Auslegung von zweifelhaften Postulaten der oben genannten French School Autoren (wie Miller 2020 und Breeze 2012 darlegen).

Die Hochschulhierarchie und die Wissenschaftsverwaltung kommen dem Gebahren leider kaum bei. Dies berichtete vor nicht allzu langer Zeit einer, der es wissen muss: der Geschichtsprofessor Caspar Hirschi. Er amtet als Dekan an der Universität St. Gallen und er erforscht die Macht von Experten (z.B. das Versagen der peer-review in Merkur 2018). Die universitäre Chefetage sähe sich in einer Position der Schwäche so Hirschi (NZZaS 2022): "Ihre Aufgabe gleicht dem, was man im Englischen herding cats nennt: Sie dürfen den professoralen Streunern Futter und Streicheleinheiten verabreichen, aber ja nicht mit Forderungen oder Erwartungen zu nahe treten, sonst setzt es Kratzer ab. Sie selbst werden zudem als kastrierte Forscher belächelt. Wer leitet, gilt in seiner eigentlichen Berufung, der Wissenschaft, rasch als gescheitert."

Dank und Klammerbemerkung: Ich werde seit Jahren von mehreren Historiker-Kollegen und -Kolleginnen fachlich unterstützt, denen ich an dieser Stelle herzlich dafür danke. (Keineswegs alle Autor/innen, die sich irgendwann auf Ideen und Texte aus der French School berufen, verfolgen den verfehlten Ansatz einer Verdachtshermeneutik, dies schreiben auch Miller und Breeze. Eine Pauschalentwertung von Historiker/innen und ihrer Lehre kann aus meiner Kritik an den Ausnahmen nicht abgeleitet werden. In anderen Disziplinen findet sich nämlich ebenfalls ein gewisses Quantum an wenig validen Studien und methodischen Verirrungen und solche wurden von mir ebenfalls schon kritisiert. Die meisten Historiker/innen arbeiten seriös, vermögen kritisch zu rezeptieren und beziehen sich auf die vernünftigeren Stellen der besagten Autoren. Beispiele gelungener und sehr lesenswerter wissenschaftshistorischer Werke mit einer adäquaten Rezeption von Foucault, Latour & Co sind: Ritter 2009, vgl. S. 43f, Gausemeier 2005, vgl. S. 31f, Lipphard in Nürnberg et al. 2014. Grimm 2012 hat die ANT von Latour massgeblich verbessert und auf ein wissenschaftliches Level gehoben. Mehr unter Geschichtsvalidität).


3. Systematisches Beobachten und Interpretieren von Texten und Bildern

Wie geht man vor, wenn man noch praktisch nichts weiss und nur wenig Material hat? Wo soll man überhaupt suchen? Dazu braucht es plausible Arbeitshypothesen. Der Anfang jeglicher wissenschaftlicher Bearbeitung eines neuen Kriminalfalles oder Phänomens und das genaue Beobachten und Interpretieren von relevantem Material werden kaum thematisiert. Speziell für Kriminalistik, aber auch für die Phänomenologie in allen Wissenschaften habe ich aus der kognitiven Psychologie und der Wissenschaftstheorie eine Anleitung zum Systematischen Beobachten hergeleitet. Die Anweisungen helfen Wissenschaftlern und Ermittlern gründlicher hinzusehen. Sie sind in einem hermeneutischen Zirkel anzuwenden. Das Vorgehen wäre besonders in der Geschichtswissenschaft hilfreich, um Aussagen unter den Bedingungen von Zensur und Propaganda (im Krieg, unter Diktaturen) zu untersuchen und nicht vorschnell nach ihrem oberflächlichen Schein aus heutiger Sicht abzutun .

Das Systematische Beobachten als Prozedur

Regeln Zirkel

I.  Vergleiche das Beobachtungsobjekt mit Modellen (Standards, Normen, Kategorien von Devianz, ähnliche Fälle, Kontext Information).

II.  Beachte sowohl die Form aller Zeichen als auch deren mutmassliche Bedeutung(en).

III.  Zerlege - gemäss den Modellen - das Objekt in die funktionalen Komponenten seiner Struktur(en) und untersuche jede einzeln. Daraus ergibt sich ein Inventar an Indizien.

IV. Untersuche Ungereimtheiten, Widersprüche, Fehler, erstaunliche Zufälle (im Inventar aller Zeichen).

V.  Untersuche mögliche Abwesenheit wichtiger Zeichen oder deren (vermeintliche) Überflüssigkeit anhand der Modellstrukturen.

Beim systematischen Erfassen aller Details tauchen Ideen auf, wie man den Fall erklären könnte (sog. Abduktion nach Peirce). Die gefundenen Hypothesen sollten nun einer Plausibilitätsprüfung unterzogen werden. Für jedes Zeichen diskutiert man, in wiefern es eine bestimmte Hypothese unterstützt oder zu widerlegen scheint oder sich nicht einordnen lässt. Die sog. Franklin-Tabelle bietet eine Übersicht der Beweislage zu einer Hypothese, die sich besser diskutieren lässt als ein schriftlicher Bericht alleine.



Abb. 3: Die Franklin-Tabelle aller Indizien

4. Forensische Psychologie, Aussagenpsychologie, Realkennzeichen, Begutachtung und Viktimologie


5. Kriminalpsychologie

5.1 Gefährlichkeitseinschätzung von Drohungen und Management solcher Situationen

Anwendungsbereiche: Polizeiliche, nachrichtendienstliche und klinisch-psychiatrische Evaluation von Drohungen, Stalking, bei häuslicher Gewalt, Drohungen gegen Politiker/innen, gegen Behörden und Beamte.

Drohungen, anonyme Briefe, schriftlicher Unfug und andere unangebrachte Mitteilungen sollten als kriminalistische Indizien behandelt werden, die man im gegebenen sozialen, kulturellen und individuellen Kontext interpretieren muss. Kontextspezifisch sind Arbeitskonflikte, häusliche Gewalt, kulturelle Konflikte bei Immigranten, Gewalt und Drohungen gegen Beamte, Drohungen gegen Politiker usw. Das semiotische Modell der Kommunikation besteht aus dem Absender (Täter), der Nachricht, dem Empfänger, dem designierten Opfer und allf. Trittbrettfahrern oder Störeinflüssen. Um eine Situation einzuschätzen, müssen alle Elemente in die Auswertung miteinbezogen werden.



Abb. 4: Semiotisches Modell der Drohung und anderer ungehöriger Kommunikationen

5.2 Entstehung und Bekämpfung von kriminellem Verhalten

5.3 Eidgenössische Jugend- und Rekrutenbefragung 1997 zu erlebter und ausgeübter Gewalt ch-x

Sind Kriminelle Menschen wie du und ich, die einfach das Pech hatten, in ein Delikt verwickelt zu werden, oder sind sie tendenziell psychisch gestört? Weshalb wird jemand Gewalttäter, weshalb Vergewaltiger? Welche Faktoren spielen dabei eine grosse Rolle und welche eher eine untegeordnete oder keine? Die Befragung von 21'347 Rekruten des Jahres 1997 und einer Stichprobe von 1'160 Nicht-Rekruten bot die Möglichkeit, Straftaten der schweren Art im Dunkelfeld zu untersuchen. Wegen der allgemeinen Wehrpflicht für Männer umfasst die Stichprobe ca. 70% aller 20-jährigen männlichen Schweizer, der Alters-Kohorte.

Als einer der schwergewichtigsten Risikofaktoren für spätere Gewaltbereitschaft und sexuelle Uebergriffigkeit bei jungen Männern, stellte sich ein sexuelles Missbrauchstrauma in der Kindheit der Knaben heraus - nicht etwa körperliche Misshandlungen (ohne sexuelle Komponente). Dieser Faktor erklärte auch vollständig die überproportionale Vertretung von Secondos mit Elternteilen aus Krisengebieten unter den Tätern. Es ist also nicht etwa die Nationalität oder die Einwanderung, sondern ein erhöhtes Risiko, dass sich Sexualtäter an solche Kinder heranmachen können. Mit diesem Ergebnis kann der Xenophobie ein Stück Einhalt geboten werden.

Im Licht der umfassenden Stichprobe von 21'314 gültigen (seriös aufgefüllten) Fragebögen und 900 Variablen zu ganz verschiedenen Einflüssen, konnte auch der Mythos widerlegt werden, dass es die "Repression" sei, welche die Kriminalität erst hervorrufe. Die sog. "labelling theory" hatte - in einem sozialen Rechtsstaat - keinerlei Erklärungskraft für biografisch nachfolgende Delinquenz. Diese These produziert vielmehr selbst das Stigma, das sie vorgibt, zu bekämpfen. Sie unterstellt nämlich den weniger Privilegierten (z.B. ehemaligen Heimkindern) eine Neigung zur Delinquenz und zwar zu Unrecht - wie die Daten gezeigt haben. Die Ideologie ist jedoch eine Untote und wird es wohl noch länger bleiben. Sie wird von Politaktivisten und von geschäftstüchtigen Sensationshaschern künstlich am Leben erhalten.



Abb. 5: Die Erhebung durch die Experten der ch-x im Jahr 1997

Zur Wahrung von Anonymität und Ruhe werden die Rekrutenbefragungen unter der Aufsicht von externen Experten durchgeführt (das sind i.d.R Lehrer, militärische Vorgesetzte hat es im Raum keine). Zwischen zwei Rekruten hat es zudem einen leeren Platz und vorne steht eine Urne. Jeder einzelnen Frage wurde das Item "ich möchte nicht antworten" beigefügt, damit die Freiwilligkeit vollständig garantiert war und niemand im Saal merken konnte, wenn jemand seine Privatsphäre nicht preisgeben wollte. Am Schluss warfen alle Rekruten ihren Fragebogen in eine Urne (mehr dazu: Rekrutenbefragung 1997)

5.5 Justiz, Strafvollzugskunde, (Re-)Sozialisierung und Psychotherapie von Tätern

5.6 Suchtforschung und -therapie


6. Klinische Psychologie der Traumforschung


7. Forschungsdatenbanken und Publikationsliste

7.1 Vollständige Publikationsliste chronologisch (1983-2023)

7.2 Datenbanken



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